Das Cholerakreuz
von Ella Stocker und Nathalie Shapiro
Es gab in Wien eine Choleraepidemie, bei der viele Leute starben. Die vielen Toten wurden in einem gemeinsamen Grab begraben. Jede Nacht erschien eine Seele über dem Grab, die tanzte über dem Grab als ein Lichtlein. Alle hatten Angst vor diesem Lichtlein.
Dann kam ein übermütiger Jägerbursche, der glaubte, dass er mit seinem Gewehr die Leute vor der armen Seele beschützen konnte. Er ging in der Nacht zu dem Grab. Er sah das Lichtlein über Kreuz und Grab und schlug mit dem Kolben nach ihm. In der Zwischenzeit warteten seine Freunde im Wirtshaus. Sie hörten einen Schuss, aber der Jäger kam nicht zurück.
Am Morgen lag die Leiche des Jägers beim Kreuz, die Kugel des Gewehres war in seinem Herzen. Man begrub ihn auf der Stelle, aber niemand hat dieses schreckliche Lichtlein je wieder gesehen.
Das Cholerakreuz
An dem Wege, der von der Agnesgasse rechts auf den Dreimarkstein führt, steht ein einfaches, braunes Holzkreuz, von den Leuten "Cholerakreuz" genannt. Vor vielen Jahren wütete die Cholera auch in Sievering. Die vielen Toten begrub man in einem gemeinsamen Grabe, an dessen Stelle sich heute das Cholerakreuz erhebt.
Nun mag unter den Verstorbenen, die da gemeinsam ruhten, einer gewesen sein, dessen Seele wegen einer ungesühnten Schuld im Grabe keine Ruhe fand, denn in der Geisterstunde tanzte über dem Grab immer ein Lichtlein. Niemand ging um diese Zeit an dem Grab vorüber.
Ein übermütiger Jägerbursche hörte von dieser Geschichte. Prahlend rief er zu seinen zechenden Genossen: "Ich werde der armen Seele schon Ruhe verschaffen!", packte sein Gewehr und ging in die Nacht hinaus. Beim Kreuz stand er still. Vom Kirchturm schlug es zwölf. Auf einmal tanzte und flatterte das Lichtlein um Kreuz und Grab. Da nahm er sein Gewehr und schlug mit dem Kolben nach ihm.
Im Wirtshaus saßen zur zwölften Stunde die Genossen und wurden still. Da krachte ein Schuss. Sie warteten nun auf den Jäger. Als der aber nicht kam, schlichen sich alle heim. Am anderen Morgen fand man die Leiche des Jägers beim Kreuze liegen, die Kugel des eigenen Gewehres im Herzen. Man begrub ihn auf der Stelle. Das Lichtlein hat man jedoch nicht wieder gesehen.
Quelle: Die Sagen und Legenden der Stadt Wien, herausgegeben von Gustav Gugitz, Wien 1952